Mitjahresbericht – Winter in Texas

Lea berichtet aus San Antonio.

Eine Weihnachtszeit mit einem Vorgarten-Blink-Lichter-Wettbewerb und ein Heiligabend mit 20°C – das ist Winter in San Antonio. Die Liste mit Erfahrungen und tollen Erlebnissen könnte ich noch ewig weiterführen, den davon gibt es hier reichlich.

Im Folgenden möchte ich über einige Highlights der letzten Monate deshalb genauer berichten:

 

Man hört ja, dass Sport an den amerikanischen Schulen ganz oben steht, was auch wirklich stimmt. Neben all dem gibt es aber auch noch den Chor, das Orchester und die Band, welche eine Einheit bilden und fast genau so gefördert werden wie der Sport. Ich bin sehr froh, dass ich ein Mitglied des Schulchors hier sein kann. Neben einem Weihnachtskonzert mit dem Orchester und der Vorführung des Meisterstücks “Gloria” von Antonio Vivaldi sind wir auch mehrere Male “Charoling” gegangen. Das heißt, wir sind mit den klassisch gelben Schulbussen in ein Einkaufszentrum gefahren und haben dort in unseren roten Weihnachtsmützen in der Mitte der Passage Weihnachtslieder für die Passanten gesungen, was wirklich extremen Spaß gemacht und den Leuten Freude bereitet hat.

 

Wenn ich mich darauf festlegen müsste, was bisher mein tollstes Erlebnis hier in den USA war, dann würde ich sagen, es waren die Weihnachtstage.

Da meine Gastmutter aus Tschechien stammt, wurde in meiner Familie zweimal Weihnachten gefeiert. Somit gab es an Heilig Abend Geschenke von der Familie, und am Weihnachtsmorgen Geschenke vom Weihnachtsmann. Am 23-sten haben wir mit der gesamten Verwandschaft (etwa 30 Leute) ein kleines Boot gemietet und sind damit in der Innenstadt von San Antonio (welches auch “das Venedig der Staaten” genannt wird) auf dem Fluss hoch und runter geschippert und haben all die kitschigen Lichter und Lädelchen an dem so genannten “Riverwalk” bewundert. Am Tag darauf haben wir uns alle wieder in dem Haus meiner Gast-Tante getroffen, wo es erst einmal Abendessen für alle gab. Dann sind “die Kleinen” spielen gegangen, während “die Großen” die Geschenke sortiert haben. Was? Geschenke sortieren? Ja, richtig, bei über 30 Leuten ist das nötig. Ich habe noch nie in meinem Leben so viele Geschenke auf einem Haufen gesehen und am Anfang stand ich einfach nur mit geöffnetem Mund hinter der Couch, da die Geschenke vom Sofa bis zum Weihnachtbaum all den Platz einnahmen. Staunend. Überwältigt. Danach folgte auch gleich schon den nächste Schock, denn als die zehn Kinder ihre Geschenke alle gleichzeitig und schnellst möglichst aufrissen, standen die Erwachsenen einfach nur daneben, damit beschäftigt, die Geschenkpapiere sofort in große, schwarze Müllsäcke zu recyceln, um den Überblick zwischen Geschenken und Müll zu behalten. Sobald der erste Trubel vorbei war, gab es Umarmungen, Küsse und Freudestränen und dann haben wir den Abend gemütlich  ausklingen lassen, bis alle nach und nach in ihre Häuser zurückgekehrt sind.

Am nächsten Morgen sind meine drei kleinen Gastgeschwister dann schon um 7.15 Uhr auf den Beinen gewesen – allein weil sie es nicht aushalten konnten, was “Santa Claus” ihnen unter den Weihnachtsbaum gelegt hatte. Nachdem wir alle unsere Schätze bewundert und ausprobiert hatten, gab es Frühstück und dann wurde der Tag einfach daheim in der Familie genossen – mit Weihnachtsmusik, “internationalem” Plätzchen backen und einer liebevollen Atmosphäre.

Dieses Weihnachten war in vielen Wegen besonders und einzigartig für mich. Ganz bestimmt gehört es in die Liste meiner Top-Drei, und auf Platz Eins der unvergesslichen.

 

Um weiter von International zu sprechen: natürlich darf ich hier immer wieder über die deutsche als auch die amerikanische Kultur etwas neues lernen. So habe ich meinen Gastgeschwistern einen Adventskalender erstellt – etwas, das man hier überhaupt nicht kennt. Jeden Tag einen kleinen Beutel mit deutschen Süßigkeiten, die mir meine Mutter lieberweise geschickt hatte. Dafür haben sie mich dann mit der typisch amerikanischen Weihnachtsgeschichte vertraut gemacht. In einem Musical performt haben wir “Wie der Grinch Weihnachten gestohlen hat” angeschaut.

 

Außerdem hatte ich das unglaubliche Glück, mit meiner Gastfamilie in den Skiurlaub gehen zu können. Das kam mir zuerst ein wenig komisch vor, da wir nach Colorado fliegen mussten und die Skier als Gepäck aufgegeben hatten. Aber letztendlich war es doch sehr ähnlich verglichen mit den gewohnten schweizer Skigebieten. Um auch nur halbwegs verstehen zu können, wie toll diese Woche für mich war, muss man wissen, wie viel mir Snowboarden bedeutet und dass dies meine große Leidenschaft ist, welche mich alles andere vergessen lässt und mich wie in eine neue Welt versetzt. Natürlich war dieser Trip ein absoluter Traum für mich und ich habe jede Sekunder auf der Piste ausgekostet und voll und ganz genossen. Außerdem muss ich sagen, dass das Gerücht über den guten Schnee in den Staaten stimmt. Auch wenn man nicht sagen kann wieso, aber der Schnee hier ist wirklich besser. Und dass unser Heimflug aufgrund eines Schneesturms gestrichen wurde und wir somit einen Tag Schule verpassten, machte mir natürlich auch nichts aus – immerhin konnte ich dadurch noch einen Tag mehr in den 30 cm Neuschnee boarden.

 

Wo wir es schon von der Kälte haben, ein kleiner Fun-Fact zwischendurch: Ich hatte hier im Januar einen Tag “Kältefrei”. Da wir über Nacht -2°C hatten, waren die Straßen anscheinend zugefrohren und machten das Autofahren zu gefährlich. Demnach hat das Viertel einfach beschlossen, die Schulen für einen Tag geschlossen zu lassen. Gut für mich und meine Gastgeschwister: Wir haben daraus einen gemütlichen Couch-Filme-Tag gemacht.

 

Ein weiteres Highlight für mich war das Spurs Game. Spurs, das ist unser Basketballteam hier in San Antonio, welches wirklich gut ist. Wir saßen in der fünften Reihe und mein Gastvater hat mir das gesamte Spiel mit allen Regeln erklärt und somit konnte ich das erste Mal wirklich verstehen was abging und das Spiel genießen. Das I-Tüpfelchen: Wir haben das Spiel mit 98 zu 95 gewonnen.

 

Außerdem gab es hier im Januar den “Super Bowl” – das zweit größte Event an dem die meisten Amerikaner zusammen kommen (nach Weihnachten), TV gucken und BBQ essen. Es ist das wichtigste Footballspiel des Jahres. Auch wir haben eine Familienfeier geschmissen. Während die Frauen am Tisch tratschten, die Männer mit einem Bier das Game genossen, die Kinder mit Legos spielten und die Teens an ihren Handys waren, saß ich neben meinem Gast-Großvater auf dem Sofa und habe mir Schritt für Schritt erklären lassen, wie Football funktioniert. Das wollte ich schon immer lernen, seit ich hier bin, aber bisher war noch niemand geduldig genug mit mir um mir alles zu erklären. Nach ¾ des Spiels hatte ich genug auf Wikipedia nachgelesen und meinem Gast-Großvater etwa 1000 Fragen gestellt – und endlich hatte ich verstanden, was da passiert. Und mit dem Verständnis kam die amerikanische Leidenschaft für ein wirklich komplexes, spannendes und strategisches Spiel.

 

Um hier wirklich alles an Erfahrungen aufzunehmen was es nur so gibt, bin ich natürlich auch zum sogenannten “Rodeo” gegangen. Das ist ein typisch zweiwöchiges Festival in Texas, wie ein Karneval, mit vielen Achterbahnen, Attraktivitäten, Essensbuden, Shows – und natürlich Tieren. Im Zentrum steht das Stadium, in welchem die Shows stattfinden: Bulldogreiten, Pferderennen, Schafsrennen, Lassowerfen und alles, was man eben mit Texas und Cowboys verbindet. Nach einem super tollen Rummel-Tag und einer eindrucksvollen Rodeo Show wurde das Ganze für mich dann noch mit einem Jeremy Camp Konzert am Abend gekrönt. Ein perfekter Tag in Texas.

 

 

Wie man  sieht, hat Amerika in vielen verschiedenen Weisen Einfluss auf mich und ich kann wirklich spüren, wie ich mich Tag für Tag verändere, meine Sichtweisen wechsle und ich an Erfahrungen wachse. Ich freue mich unheimlich auf die zweite Hälfte meines Auslandjahres und genieße jede Sekunde hier in der besten Gastfamilie, die ich mir für mich hätte wünschen und vorstellen können. Ich fühle mich so, als hätte ich schon immer hier gelebt. Alles ist vertraut und normal, alles ist zu einer zweiten Heimat geworden. Und alleine schon die Vorstellung, hier wieder gehen zu müssen und all das zurückzulassen, schmerzt – aber bis dahin ist ja ein Glück noch ein wenig Zeit, und bin ganz sicher, dass ich davon jede einzelne Sekunde genießen werde.

Artikelaktionen
Twitter