Lea schreibt aus San Antonio: Zweite Hälfte in der neuen Heimat

Es kommt mir so vor als sei es erst gestern gewesen als ich den Mitjahresbericht geschrieben habe und es wird immer schwieriger zu realisieren, dass das Jahr hier fast schon vorbei ist. San Antonio wurde zu meiner Heimat und Alamo Heights zu meiner Schule, ich kann mir gar nicht mehr vorstellen, wie das anders sein sollte. Wenn ich auf das letzte halbe Jahr nun zurueckschaue, realisiere ich, dass es doch laenger war als es mir vorkam und dass ich einiges unternommen habe.

lea in new york Im April hatte ich die Moeglichkeit, fuer eine Woche nach Washington DC und New York City zu fliegen und dort einen Ostkuestentrip mit Freunden von mir aus Deutschland zu unternehmen. Ich habe fuenf verschiedene Staaten gesehen und war das erste Mal in „der Stadt die nie schlaeft“ und in der Hauptstadt der Vereinigten Staaten. Zwei so unterschiedliche Staedte, aber beide so beeindruckend in ihrer eigenen Art. Einen anderen Teil von den USA zu sehen tat mir richtig gut, denn ich musste mal aus dem heissen, weiten und braunen Texas rauszukommen und Unterschiede aber auch Gemeinsamkeiten neu zu entdecken und meinen Heimatsstaat wieder geniessen zu koennen.

Das vielleicht groesste Event in dem halben Jahr hier in San Antonio war „Fiesta“ Ende April. Das ist ein riessiges Festival oder eher ein Karneval, urspruenglich aus Mexiko. Es gibt Paraden, viele Pinatas und die verruecktesten Vorfuehrungen, Taenze und Musik. Leute spielen verrueckt, Menschenmassen versammeln sich downtown und ueberall sieht man Leute feiern. Alles ist bunt und farbenfroh und wirklich sehr mexikanisch angehaucht. Das ist San Antonio, aber wirklich auch nur hier in San Antonio, denn schon drei Stunden entfernt in Houston sieht alles anders aus. Wir sechs Stipendiaten hier in der Stadt durften zusammen fuer drei Tage Houston erkunden und haben dabei nicht nur eine andere Welt in Texas sondern auch unsere unterschiedlichen Kulturen besser kennengelernt.

Ansonsten lebte ich hier ein Leben wie es jede 17-jaehrige tun wuerde: Morgens Schule, Abends Familie und am Wochenende Freunde. lea und freundinnen

 

Die Schule kam mir gegen Ende immer einfacher vor, die Leute aus meiner Klasse lernte ich endlich vollsteandig kennen und vor allem mein Chor wurde zu meiner grossen Familie. Es geht nicht darum, ob man gut singen kann, sondern darum, ob man die Leidenschaft dafuer hat, und das war es, was uns alle verbunden hat und zu einer grossen Familie machte. Zusammen haben wir Trips unternommen, Mittagspausen verbracht oder private Parties geschmissen. Ausserdem haben wir an einem Kontest teilgenommen. Wir sind mit den gelben Schulbussen zu einem Auditorium gefahren, haben dort professionell und natuerlich in unseren Uniforms drei Songs vorgetragen und mussten dann noch in den „Sight reading room“ (ein Stueck vom Blatt lesen und singen). Wir haben sogenannte „sweepstaeks“ bekommen – von drei Juroren drei Einsen (Bewertung von 1-5), was wirklich eine herrausragende Leistung ist!

leas chorwettbewerb

Stolz trage ich mittlerweile auch meine eigene Letterman Jacke, die grosse Collegejacke die man von Amerika kennt, mit meinem Namen auf dem Ruecken und Alamo Heights High School Choir Aufdrucken auf den Aermeln. Ausserdem habe ich die Mehrheit meiner besten Freunde im Chor gefunden und es hat sich meine Freundesgruppe entwickelt, mit mir und fuenf anderen Maedchen. Wir sind Abends zusammen Essen gegangen, haben uns Filme im Kino angeschaut oder sogar ganze „Disney-Movie-Nights“ gemacht, sind durch die Nachbarschaft gecruised oder sind Freitags um Mitternacht mit Kleidern in den Pool gesprungen. Meine beste Freundin hat mich sogar ein Mal in der Woche, jeden Freitag Morgen, vor der Schule abgeholt und wir haben Stueck fuer Stueck meine „To Do List“ abgearbeitet, haben verschiedene Ort und Restaurants zum Fruehstuecken ausprobiert und viele schraege Sachen erlebt.

Mit meiner Familie durfte ich in dieser Zeit auch noch einmal mehr zusammen wachsen. Wir haben zwei Kurztrips unternommen, einen nach Dallas, um meinen „Onkel“ zu besuchen und die Stadt zu erkunden, und einen nach South Padre, „den schoensten Strand in Texas“, eine Insel fuenfzehn Minuten von Mexiko entfernt. Egal ob Fangis am Stand oder in der Grossstadt, egal ob im Shoppingcenter oder im Ozean mit meinen Gastgeschwistern, jede Sekunde mit ihnen war purer Genuss und ich lernte durch sie so viel, lernte die Zeit die wir haben viel mehr wertzuschaetzen und lernte nochmals die Welt durch die Augen eines Kindes zu sehen, mit all ihren wunderbaren kleinen Ueberraschungen.

lea und gastelternKurz vor dem Schulende hier am 30. Juni gab es ausserdem noch den letzten Schulball, Prom, der wichtigeste im ganzen Jahr. Das erste Mal in meinem Leben sass ich in einer Limousine und dann gleich in einer 12 Meter langen, mit acht meiner besten Freunde. Wir hatten unseren Spass damit die Musik laut aufzudrehen, die Lichter unter den Sitzen zu bedienen und Downtown vor der Hauptsehenswuerdigkeit von San Antonio auszusteigen, Aufmerkung zu bekommen, Fotos zu machen, und dann wieder wegzufahren. Das war der erste Abschied von all denen, die die Schule verlassen werden und fuer die das der letzte Schulball war, mir inklusive.

leas abschlussballDie Woche drauf als die Ablschlussfeier naeher kam, musste ich dann richtig realisieren, dass das Jahr wirklich dem Ende zugeht. Leider erlaubt es der Staat Texas Austauschschuelern nicht, einen Abschluss von der Schule zu machen. Demnach war es mir nicht moeglich, mit auf die Buehne zu laufen, ein Zeugnis abzuholen und die Kappe in die Luft zu schmeissen, aber zumindest habe ich die Zeremonie miterleben koennen - und das war schon einiges wert! Zumindest hab ich einen Anzug bekommen und durfte Bilder machen und nach dem Abschluss mit meinen Freunden feiern gehen.

Die Woche danach ging der Countdown dann richtig los und jeder letzte Tag in der Schule fiel mir schwer. Die Preisverleihungen am Dienstag, das Farewell Choirconcert am Mittwoch mit tausenden Traenen und die Schultalentshow am Donnerstag, in der ich ein Dankes/Heimatsgedicht vorgetragen habe. Dann war auch schon mein letzter Schultag am Freitag erreicht, der Tag an dem ich permanent geweint habe. Ich bin noch nie in meinem Leben umgezogen und musste niemals wirklich „Tschuess“ sagen. Meine zweite Heimat, meine Schule und all meine Freunde hier zurueckzulassen und nicht zu wissen, wann ich wieder kommen werde, fiel mir unheimlich schwer, aber so laeuft das hier eben und die Zeit kann man nicht aufhalten, aber lernen wertzuschaetzen.

Jetzt habe ich drei Wochen Sommerferien, welche wirklich intensiv sein werden, bevor es dann zurueck nach Deutschland und zurueck ins echte Leben geht.

 

 

 

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