Lea in Texas: Hitze, Großstadt und örtliche Gebräuche

Alles ist neu für Lea Schneider, die seit August in San Antonio (Texas) als Patenkind von Armin Schuster ihr Austauschjahr im Parlamentarischen Patenschaftsprogramm des Deutschen Bundestages verbringt. Die Zeit ist sehr schnell vergangen, und sie hat in diesen ersten Wochen sehr viel erlebt. Hier beschreibt sie eindrücklich ihre Ankunft, Homecoming und Halloween, und schreibt über amerikanische Besonderheiten.

November 2013 - kaum zu glauben, dass ich schon gut 10 Wochen hier bin. Die Zeit vergeht so schnell und doch fühlt es sich wie eine Ewigkeit an. Mittlerweile habe ich einen geregelten Tagesablauf, mich an das TexMex (texanisch-mexikanisch) –Essen sowie die Kultur als auch den Schulablauf gewöhnt und fühle mich unheimlich wohl hier in meinem neuen Zuhause. Die Tage und Wochen vergehen sehr schnell und sind mehr als ereignisreich. Das alles hat mit der Anreise und meiner erste Woche begonnen, welche mit vielen Komplikationen und Herausforderungen gefüllt war, an denen ich sofort wachsen durfte . . .

Nachdem mein Zug am Vortag Verspätung hatte und ich erschöpft in meinen fünf-Stunden-Flughafenhotel-Schlaf gefallen bin, ging es am Freitag, den 23.8.2013, endlich richtig los. Auf meinem 11 Stunden dauernden Flug konnte ich komischerweise kein Auge zu tun. In Dallas wurde ich dann mit einer Kofferkontrolle empfangen, auf die ein fünfstündiger Flughafenaufenthalt und ein Verbindungsflug folgen sollten. Ohne zu wissen, wie es für mich dann weitergehen würde, stieg ich in San Antonio um 22 Uhr nachts, nach gut 26 Stunden auf den Beinen, aus dem Flugzeug aus. Ich wurde von einer schwülen Hitze um die 35 Grad Celcius (die mir unerträglich vorkam) und einem freundlichen AFS-Freiwilligen Pärchen in Empfang genommen. Bei ihnen habe ich meine ersten drei Tage verbracht und eine Stadtrundführung sowie eine private Ankunfts-Orientierung bekommen.

Am Montagmorgen ging es für mich dann sofort weiter zur Schulregistrierung und der spannenden Fächerwahl. Meine erste Woche habe ich bei Nancy, der AFS Beauftragten für alle Stipendiaten in San Antonio, verbracht. Gefüllt mit vielen Ereignissen, Emotionen, Kulturschocks und einige Herausforderungen hat mich diese erste Woche viel Kraft gekostet.

Es ist zum einen sehr unüblich, dass man zwei Tage nach seiner Ankunft sofort mit der Schule beginnt, und zum anderen, dass man die ersten Tage nicht bei seiner Gastfamilie verbringt. Ich habe mich aber keineswegs „herumgekickt“ oder „ungewollt“ gefühlt, nur weil ich in drei verschiedenen Familien innerhalb von neun Tagen war. Ganz im Gegenteil, für mich war das das Beste, was mir passieren konnte. Es gab mir einen weiten Einblick in die amerikanische Kultur und die Möglichkeit, den „Kultur Schock“ sowie all die peinlichen Anfangsfragen und Probleme mit erfahrenen AFS-Mitarbeitern auszutauschen, welche mir beratend und unterstützend zur Seite standen.

Am Samstag, also nach genau einer Woche, durfte ich „endlich“ zu meiner Gastfamilie - etwas besser vorbereitet und schon ein wenig eingewöhnt. Direkt am ersten Tag haben sie mich nach Austin mitgenommen, wo die Texas Longhorn ein Football-Game hatten. Und direkt vom ersten Tag an habe ich mich gut mit meinen Gastgeschwistern verstanden.

Trotz allem waren meine nächsten Wochen eine Eingewöhnungsphase für mich und meine Gastfamilie. Natürlich braucht es Zeit, ein Familienmitglied zu werden. Ich verstehe mich super gut und immer besser mit meinen Gasteltern und genieße es sehr, drei kleine Geschwister zu haben (nachdem ich daheim einen supertollen großen Bruder habe). Es macht Spaß, einfach große Schwester sein zu dürfen, rumalbern zu können, aber auch bei den Entwicklungen zuzugucken, ein Vorbild zu sein und meinen Gastgeschwistern mit der Schule zu helfen.

Überrascht bin ich nicht nur davon, wie schnell ich mich an den Tagesablauf und die Familie gewöhnt habe, sondern auch davon, wie sehr ich die Hitze hier in Texas schätze. Normalerweise bin ich ein Winter- und Kleinstadt-Fan. Hier habe ich genau das Gegenteil: Hitze und eine 1,4 Millionen Großstadt. Doch ich hätte nie erwartet, dass ich mein Umfeld so genießen kann, denn ich wohne in einem Stadtviertel mit ca. 8000 Einwohnern, die ihr eigenes kleines Dorf in der großen Stadt bildet. Abgeschottet vom Alltagstrubel geht man mit seinen Nachbarn auf dieselbe Schule, hat zwei Einkaufsläden, in denen man immer wieder die gleichen Menschen trifft und drei Cafés als Treffpunkt für die Jugend. Außerdem gibt es hier viele Gemeinden, was ich sehr schätze, und vor allem bin ich froh, zwei Mal die Woche zu „Younglife“ – einer christlichen Jugendorganisation - gehen zu können. Und doch ist man blitzschnell mit dem Auto wieder in der Metropole.

Trotz allem ist es schwerer ein Austauschschüler zu sein, als ich erwartet habe. An meiner Schule war ich keine „Attraktion“ - anders als man es mir in Deutschland während der Vorbereitung erzählt hat. Austauschschüler gibt es hier jedes Jahr und gerade letztes Jahr hatten sie erst einen deutschen Jungen. Demnach war es sehr schwer, Freunde zu finden. Letztendlich habe ich einfach die Leute angesprochen und mich in ihre Mittagspause eingeladen – und das hat funktioniert. Nach der Schule treffe ich mich jetzt oft mit Freunden, um z.B. zusammen bei einem Starbucks-Kaffee zu lernen oder bei mir Zuhause ein typisch deutsches Essen für meine Gastfamilie zuzubereiten. Allerdings bin kaum einen Freitag oder Samstag Abend zu Hause. Mit Freunden erkunde ich die geheimsten und kulturvollsten Plätze der Stadt, genieße den Riverwalk Downtown und probiere verschiedene Restaurants aus. Erst drei Mal kam ich bisher dazu, meinen Fernseher mit einer Bildschirmdiagonalen von 140 cm anzuschalten.

Ich versuche, so viel wie möglich von der amerikanischen Lebensart und Kultur aufzusaugen. Ein Teil davon war eine „Sweet 16“ Geburtstagsfeier mit 250 Schülern in einem Haus und mit einem Pool, in den man mitsamt den Kleidern sprang. Die Partys aus den Filmen sind also real. Aber nicht nur das: Mit meinem Schulchor bin ich für ein Wochenende in einem gelben Schulbus auf eine typisch texanische Ranch gefahren – und während diesen fünf Stunden Fahrt wurde gesungen und gesungen und gesungen. Das meiste davon war a cappella. Jeder hat mit einer Leichtigkeit und ohne Absprache seinen Part und seine Stimme gefunden, so dass ein wahnsinnig voller Klang entstand, der jedes Musikerherz aufblühen lies. Auch die Übergänge gingen reibungslos, in dem einfach einer ein neues Lied anstimmte und nach und nach alle mitsangen – wie in den Filmen.

Eine weitere Sache auf meiner amerikanischen „to do“-Liste sind Schulbälle. Davon gibt es drei in einem Schuljahr und der erste, „Homecoming“ genannt, war vergangenes Wochenende. Die ganze Schulwoche über spielt jeder verrückt, so gibt es zum Beispiel jeden Tag ein spezielles dress-up Motto. Natürlich werden die Mädchen auch auf die klassische Art und Weise nach einem Date zu dem Homecoming-Tanz am Samstag Abend gefragt. Am Freitag davor bekommt man als Mädchen dann eine „Mum“ von dem Jungen überreicht. Das sind Blumen, die mit Papierbändern, Schleifen und Schmuckstreifen dekoriert und somit extrem schwer sind, oftmals noch kleine Glöckchen beinhalten und bis zum Boden reichen. Diese trägt man auch zu dem besonderen Homecoming Football Game am Freitag Abend, welches wir glücklicherweise gewonnen haben. Am Samstag wurde ich dann um 18 Uhr von meinem „Date“ abgeholt und wir sind zum „Tower of the Americans“ im Stadtzentrum gefahren (einem 130 Meter Turm mit einem Restaurant - vergleichbar mit dem Fernsehturm am Alexanderplatz in Berlin). Nach dem Dinner ging es zum Homecoming-Dance, über den roten Teppich, durch die Fotostation auf zur Tanzfläche. Mein erstes und einziges Homecoming habe ich in vollen Zügen genossen – es macht Spaß, all die amerikanischen Sitten und Gebräuche kennen zu lernen.

Ein weiteres Highlight für mich war das „Austin City Limits“ - ein dreitägiges Musikfestival in Austin mit über 130 Bands, darunter Fun, Vampire Weekend, Muse, Depeche Mode, Kings of Leon und Lionel Richie. Mit einer Freundin und ihrem Vater durfte ich drei wundervolle Tage in Austin verbringen, die Stadt bei Sonnenschein genießen und 120 000 musikbegeisterten Amerikanern beim Sein zugucken.

Was man in den USA auf keinen Fall verpassen sollte, ist Halloween. Vier Wochen vorher überlegen sich die Leute, was für ein Kostüm sie tragen werden und ebenso früh beginnt man damit, die Häuser zu schmücken. Halloweenparties gab es das Wochenende davor und danach, selbst für die Highschoolkids. Am Halloweenabend kam fast jeder verkleidet zur Schule und sogar die 16jährigen sind nachts noch Süßigkeiten jagen gegangen. Eine einmalige Erfahrung – nur um am nächsten Morgen schon die Weihnachtkugeln anstatt den Skeletten an den Bäumen hängen zu sehen.

Mit meiner Gastfamilie bin ich letzten Sonntag außerdem zum “Wurstfest” gegangen, was aber alles in allem eher enttäuschend war. Die Amerikaner haben ihr Bestes gegeben, um das Oktoberfest nachzubilden. Viele haben sogar Dirndls und Lederhosen getragen, aber es wurde lang nicht die gleiche Menge an Bier getrunken und das Essen war für mich leider nur ein kläglicher Versuch, deutsch zu sein. Trotz allem habe ich die Zeit mit meiner Gastfamilie genossen, auch wenn ich mich mehr auf einem Rummel anstatt auf dem Oktoberfest gefühlt habe.

Ich möchte zum Schluss noch kurz auf einige Vorurteile und Unterschiede der amerikanischen Kultur zu sprechen kommen: Nein, nicht alle Amerikaner sind dick und ja, jeder fährt hier mit 16 Auto. Ich, auf meinem Fahrrad, werde von den Trucks angehupt und es gibt nicht mal Fußgängerwege. Alles wird hier mit dem Auto gemacht. Es gibt Drive-In-Restaurants, in denen man im Auto sitzen bleibt und auf einem „Parkplatz“ isst. Es gibt sogar drive-in Banken, so dass man zum Geld abheben nicht einmal aussteigen muss. Außerdem ist der Schulgeist hier viel größer als in Deutschland. Sogenannte Pep Rallyes bringen alle Schüler zusammen, dann werden Spiele gespielt, in denen die Gemeinschaft gefördert wird. Außerdem gibt es das Schullogo auf Tassen, Flaschen, Handyhüllen, Taschen, Rucksäcken, Socken, Hosen, T-Shirts, Pullis und, und, und. Der Sport und besonders die Football-Games werden natürlich sehr groß geschrieben und der Freitag wird in der Schule immer mit Musik in den Pausen gefeiert. Außerdem ist alles viel moderner und mit Applegeräten geschmückt. Jeder hat eine Student-ID, ein Internet-Account, in dem man seine Noten nachgucken kann und sogar online-moodle (eine Online-Lernwebpage, die jeder Lehrer mit seinen Informationen wie zum Beispiel Hausaufgaben, Schulmaterial oder Arbeitsblätter füllt), sowie zeitlimitierte Multiplechoice-Tests, bei denen man das Internet benutzen darf.

Alles in allem kann ich getrost sagen, dass meine Erwartungen weit überschritten wurden und ich mich hier schon wie in einem neuen Zuhause fühle. Sei es das Umfeld, das Wetter oder das Schulsystem – ich habe mich erstaunlich schnell an alles gewöhnt und möchte mir gar nicht vorstellen wie schwer es wird, diesen Ort in acht Monaten wieder zu verlassen.

Beste Grüße aus San Antonio, Texas

 

Lea Schneider

 

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