Juli 2014: Juniorbotschafterin Lea Schneider kommt mit Fernweh zurück nach Lörrach

Aus ihrem Abschlussbericht spricht Wehmut: Lea Schneider möchte am liebsten sofort wieder zurückkehren in die Staaten. Als Juniorbotschafterin bringt sie Unterschiede gut auf den Punkt und ermuntert interessierte Jugendliche, sich zu bewerben.

Fast genau ein Jahr ist es nun her, als ich meine große Abenteuerreise als deutsche Botschafterin in die USA antrat. Und jetzt blicke ich zurück auf ein Jahr voller Erlebnisse, Erfahrungen, Entdeckungen, Gefühlen und Entwicklungen. Ein Jahr, das für mich so einmalig war, dass ich es nie vergessen werde; aus dem ich so viel gelernt habe, dass ich ein Leben lang darauf zurück schauen kann und in welchem ich Beziehungen aufgebaut habe, die hoffentlich genauso lange erhalten bleiben. Das alles in einem Bericht wiederzugeben, ist unmöglich.

 

Die erste Woche in Texas wurde ich in einer Welcomes Family aufgenommen und die letzten drei Wochen dort habe ich ebenfalls in einer anderen Familie verbracht. Aber für mich war genau das eindeutig die beste Lösung. Vier Wochen hatte ich Sommerferien  bevor es Anfang Juli zurück Richtung Deutschland ging.

Lea und ihre Gastfamilie.

 

Meine Gastfamilie ist vier Tage nach dem Schulende nach Tschechien geflogen, wodurch ich dann zu einem AFS-Freiwilligen-Pärchen in die Familie kam. Das hat mir sehr geholfen, von allem Abschied zu nehmen. Zum einen hatte ich Zeit, mich von meiner Gastfamilie in Ruhe zu verabschieden, zum anderen kam nicht alles so geballt sondern in einem schrittweisen Abschied. Also habe ich mit meinen Freunden in diesen letzten Wochen viele Ausflüge unternommen. Die Spurs (das lokale Basketballteam) haben die NBA gewonnen (das kann man vergleichen mit einem Gewinn der deutschen Nationalmannschaft in der Fußball Weltmeisterschaft), wir sind in Vergnügungsparks gegangen, in Schwimmbäder, an den Strand, auf Ausflüge mit der Jugendgruppe und haben viele andere lustige Sachen unternommen. Kurz vor meiner Abreise gab es dann auch noch eine große Überraschungs-Abschlussfeier für mich. Natürlich war es sehr traurig, San Antonio verlassen zu müssen und ich habe sowie bei dem Abschied mit meiner Gastfamilie als auch bei dem von meinen Freunden viel weinen müssen, aber grade dann hat es mir geholfen, in einer AFS Familie zu sein, mit einer Frau, die das Selbe durchgemacht hatte und wusste, wie sie mich unterstützen konnte.

 

PPPler in Washington. 

Neben der Tatsache, dass ich die für mich beste Gastfamilie überhaupt hatte, war der Schulchor etwas ganz besonderes für mich. Ein Chor ist etwas anderes dort, nichts für die Langweiler oder Unbeliebten, sondern etwas für die, die durch die Leidenschaft zum Singen verbunden sind, ganz egal wie es sich dann anhört. All meine guten Freunde habe ich im Chor gefunden und am Ende waren wir wie eine große Familie, haben Feiern gemacht, sind zusammen ins Kino gegangen und haben sogar in den Mittagspausen zusammen gegessen. Ich kann mich wirklich glücklich schätzen, dass ich in der Familie, in der Schule, mit den Freunden und in der Stadt gelandet bin. Obwohl alle PPPler in den Vereinigten Staaten untergebracht waren, hat jeder doch etwas total anderes erlebt. Aber ich bin mir sicher, dass meins für mich einfach nicht passender hätte sein können. Heimweh hatte ich eigentlich echt nie und die Tatsache, San Antonio jetzt meine zweite Heimat nennen zu können, ist glaube ich echt etwas Besonderes, aber besonders Schönes. Nach meinem schönsten Moment wurde ich oft gefragt und als Antwort gab es dann immer: Neben den 10 Monaten meinst du?. Egal ob ein Jugendtrip der Kirche zum Strand, der typischen Graduation ceremony, herumalbern mit meinen kleinen Geschwistern im eigenen Hauspool, auf Konzerten feiern, Leuten Streiche spielen, Schnitzeljagten im Auto zu unternehmen, Weihnachten in einer großen Familie zu verbringen, in 30 cm unberührtem Neuschnee abseits der Piste zu boarden, an Halloween nach Süßigkeiten zu fragen oder meinen kleinen Bruder ins Bett zu bringen: Das alles und viel mehr sind Erinnerungen, die mir hoffentlich für immer erhalten bleiben.

An dieser Stelle ist es auch einmal Zeit, ein dickes DANKE an den Deutschen Bundestag, AFS und besonders Herrn Schuster auszusprechen,  die mir das hier alles erst richtig ermöglicht haben.

 

Seit drei Wochen jetzt wieder daheim zu sein hat sich ganz anders angefühlt, als ein Jahr zuvor. Nichts hat sich wirklich verändert, und doch ist alles anders. Ein Jahr ist eben doch eine lange Zeit, das seine Spuren hinterlässt und in dem viel passiert. Natürlich war ich in den ersten zwei Wochen erst einmal von der deutschen Kultur, aber auch Lörrach selbst, geschockt. Noch nie kam mir meine Stadt mir so winzig und alt vor, ausgestorben und gräulich verblichen. Sogar mein Haus sehe ich mit neuen Augen und es ist komisch, sich die ersten Tage hier nochmals wie in einem neuen Zuhause zu fühlen, in dem man nicht mehr weiß, wo sich manche Dinge befinden und wo man Sachen wieder neu entdecken muss. Auch vom Deutsch war ich sehr genervt. Es ist eine harte und kalte Sprache, klingt unfreundlich und tut sogar im Gaumen beim Sprechen richtig weh. Deutsche selbst kommen mir super unfreundlich vor, sind schnell und einfach genervt und super distanziert zu jedem den sie nicht kennen. Smalltalk gibt es hier nicht wirklich. Geld wird viel mehr in den Mittelpunkt gerückt und das Wohlbehagen eines anderen viel mehr vernachlässigt.

Wieder hier zu sein, in einer doch so anderen Kultur, realisiere ich viele Dinge von neuem. Ich bekomme einen anderen und neutraleren Blick auf vieles, sehe einiges mit ganz neuen Augen. Ich merke, wie ich mich selbst verändert habe. Bin im Umgang mit vielen Sachen relaxter, muss mir nicht immer so ein Zeitplan zusammenstellen, kann mich auch mal planlos zurück lehnen, den anderen vertrauen und reg mich dann auch nicht so darüber auf, wenn etwas schief geht. Ein Raum ohne Klimaanlage wird mir schnell viel zu heiß, Getränke sind zu süß und ein Glas Wasser muss auch bis nach oben zum Rand mit Eiswürfeln gefüllt sein. Es ist ein wenig verletzend, festzustellen, dass mein geliebtes Alamo Heights oder Spurs oder San Antonio Shirt keinem hier etwas sagen. Natürlich habe ich mich verändert. Ich esse jetzt Fisch, trage Rosa oder setzte Kontaktlinsen selbst ein und aus. Aber genau das hilft doch die Unterschiede zu sehen. Wer weiß, vielleicht beeinflusst die harte deutsche Sprache ja unser Verhalten? Vielleicht ist die Sprache daran schuld, dass wir immer so kalt und direkt auf den Punkt sind? Vielleicht gibt genau das Alte Lörrach seinen speziellen flair? Die Häuser beinhalten Geschichte und Kultur und beeinflussen unsere Art sogar noch heute. Ist das nicht irgendwie faszinierend?

Nach drei Wochen hier lerne ich langsam wieder Dinge aufs Neue zu schätzen. Genau das gehört doch auch zu der Aufgabe eines Botschafters: die Kulturen kennenzulernen, Unterschiede zu entdecken und die alten Sichtweisen loszulassen und mit einer neuen Perspektive zu ersetzen. Einen Unterschied zu erkennen gibt einem immer wieder die Gelegenheit, darüber nachzudenken, wie und warum Menschen anders sind, eine Gelegenheit zu wachsen. Dieses tiefere Verständnis einer anderen Kultur lässt uns die Meinungsverschiedenheiten besser verstehen und akzeptieren.

Mir wurde immer gesagt, dass die Entscheidung, ins Ausland zu gehen, mein Leben verändern wird. Und das hat es natürlich auch, aber man kann erst nach so einem Jahr richtig sehen, wie weitreichend diese eine Entscheidung dann doch wirklich ist. Ich habe jetzt zwei Heimaten, habe zwei Familien an zwei Orten und zwei Plätze an denen ich mich zuhause fühle. Jede Entscheidung beeinflusst einen. Angefangen vom Fuß mit dem wir aufstehen, über mit wem wir den Tag gestalten und mit was für einem Gedanken wir am Ende des Tages einschlafen. Vieles können wir nicht beeinflussen, aber ich weiß jetzt, dass die Einstellung immer entscheidend ist, und diese hat sich bei mir in den letzten Monaten sehr geändert. Es ist eine Kunst, dankbar für jede Minute und sogar jede Sekunde zu sein. Grade wenn man in den Tag hineinlebt, sieht man was man hat und lernt das Glück darin zu schätzen. Wenn man lernt, die Momente zu genießen, die einem geschenkt werden, können diese zu einem unendlichen Kraftpool werden. Es ist wichtig, einmal tief durch zu atmen und in der Gegenwart zu leben, sich nicht ständig über irgend etwas in der Zukunft Gedanken machen zu müssen. Das habe ich gelernt und mir jetzt zum Ziel gesetzt, aber ich glaube, verstehen kann das alles wirklich nur jemand, der etwas Ähnliches durchgemacht hat.

 

So ein Jahr ist und bleibt einmalig und unvergleichbar wertvoll. Wie beendet man einen Artikel, der ein solches zusammenfassen soll? Worte gibt es dafür keine, aber ich glaube ich kann einfach jedem empfehlen, so einen Auslandsaufenthalt zu machen. Hätte ich noch einmal die Gelegenheit, würde ich morgen meinen Koffer packen und sofort in den nächsten Flieger in die Staaten steigen.

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