Januar 2013: Henrys zweiter Bericht aus Brodhead

6 Monate ist es jetzt schon her, seit ich hergekommen bin, und die Zeit vergeht wie im Flug. Manchmal ist es fast schon beängstigend, wenn ich darüber nachdenke, dass die Hälfte meiner Zeit in den USA schon vorbei ist. Es fühlt sich wirklich an wie ein paar Wochen. Vieles ist passiert, seit ich mich das letzte Mal gemeldet habe, und ich weiß gar nicht so recht, wo ich am besten anfangen soll.

Ich denke ein wichtiger amerikanischer Feiertag seit meinem letzten Bericht war mit Sicherheit Thanksgiving. Viele Amerikaner fahren über die Thanksgiving in den Urlaub, wir haben jedoch mit der Familie gefeiert, was mir gut gefallen hat, denn so konnte ich einige neue Familienmitglieder kennenlernen. Das Essen war wirklich sehr gut. Der traditionelle Truthahn, wie man ihn sich vorstellt, hat nicht gefehlt, und auch der Nachttisch mit amerikanischen Spezialitäten ließ keine Wünsche offen.

Seit meiner Ankunft bin ich mehr und mehr zum American Football Fan geworden und dank meiner Gastfamilie ein leidenschaftlicher Chicago Bears Fan. Deshalb war es ein ganz großes Highlight, dass wir nach Chicago gehen konnten und ein NFL-Footballspiel live erleben durften. Mein Team hat das Spiel leider gegen die Seattle Seahawks verloren, aber das war an diesem Tag wirklich kein großes Drama. 

Weihnachten in den USA unterscheidet sich doch mehr von den Festtagen in Deutschland als ich gedacht habe. Die Geschenke werden hier beispielsweise nicht am Abend des 24. geöffnet sondern am 25. Dezember mit versammelter Familie. Was mich sehr verwundert hat ist, dass die Amerikaner keinen 2. Weihnachtstag haben. Mein Gastvater musste arbeiten und auch sonst glaube ich, dass die festliche Stimmung in Deutschland ein bisschen länger anhält. Der Tannenbaum wird jedoch schon etwa 4 Wochen vor Weihnachten aufgestellt, was für mich sehr ungewohnt war. Auch sind es meistens keine echten Tannenbäume und der weihnachtliche Tannenbaumgeruch hat mir schon etwas gefehlt. 

Ich habe immer ein wenig Angst vor Weihnachten in den USA gehabt, weil ich mir immer vorgestellt habe, dass das womöglich die Zeit ist, in der ich meine Familie am meisten vermisse. Da ich jedoch wirklich jeden Tag während meinen Weihnachtsferien beschäftigt war, welche übrigens um einiges kürzer sind als in Deutschland, hatte ich überhaupt kein Heimweh. Silvester und Neujahr wird ähnlich gefeiert wie bei uns. Wir hatten Freunde zu Besuch und haben Fondue gegessen. Silvesterfeuerwerke sind jedoch in Wisconsin illegal und so gab es leider kein gewohntes Feuerwerk.

In der Schule läuft es wirklich sehr gut und ich komme in allen Fächern prima mit. Im November habe ich im Rahmen der International Education Week eine Präsentation über Deutschland in meiner US History Klasse gehalten und die Vorbereitung und Präsentation hat mir wirklich Spaß gemacht. Im Frühjahr werde ich wahrscheinlich einen Tag in der örtlichen Grundschule verbringen und auch über Deutschland berichten. 

Da die Footballsaison nun leider (!) zu Ende ist, habe ich mich vor ein paar Wochen entschlossen Basketball auszuprobieren. Anfangs war es für mich noch sehr kompliziert, da ich davor nur zum Spaß Basketball gespielt habe und ich noch einige Regeln lernen musste. Mit der Zeit läuft es aber immer besser und ich bin auch schon einige Mal eingewechselt worden. 

 Eines der Dinge, auf die ich mich richtig freue, ist die Show Choir Saison. Ein Show Choir ist ein Chor der gleichzeitig tanzt und singt. Ich bin in der Show Band, wo ich Schlagzeug spiele und es macht wirklich unglaublich viel Spaß. Letzten Samstag hatten wir eine Preview Show und nächste Woche fahren wir schon mit dem Bus zu unserer ersten Show Choir Einladung. 

Auch in der Marching Band läuft es wirklich super gut. Ich bin von meinem Banddirektor in die Honorsband gewählt worden und letzten Samstag hatten wir einen Auftritt. Es ist ein Orchester, in dem die besten Musiker aus unserem Teil des Staates zusammenkommen und für einen Tag proben und dann auch auftreten. Es war eine der unglaublichsten musikalischen Erfahrungen, die ich je hatte. Unser Dirigent war ein Professor an der Universität von Wisconsin in Madison. Es war unglaublich, was er aus uns Schülern musikalisch hervorbringen konnte und sein musikalisches Verständnis war fantastisch. Es ist schwer zu beschreiben, wie begeistert ich war. Wir hatten nur ein paar Stunden um alles zusammenzubringen und das Konzert war ein voller Erfolg. Der Professor war ein sehr inspirierender Charakter und noch verhältnismäßig jung.

Ende März werde ich dann mit dem Show Choir nach New York City fahren und und auch Broadwayshows besuchen. Ich freue mich riesig darauf,  aus dem doch sehr beschaulichen Brodhead mal in die amerikanische Großstadt zu fahren.

Mit meiner Gastfamilie läuft es wirklich gut und die anfängliche Schüchternheit zwischen meinem Gastbruder und mir ist überwunden. Es ist wirklich toll, dass er mich zu vielen Aktivitäten mitnimmt, was es um einiges leichter macht Kontakte zu knüpfen. Jedoch habe ich mir für 2013 vorgenommen  noch ein wenig offensiver auf Leute zuzugehen um hoffentlich noch ein paar neue Freunde zu finden, mit denen ich auch ab und zu etwas unternehmen kann. Schließlich habe ich ja „nur“ ein Jahr Zeit, um Freundschaften und Kontakte zu schließen, die hoffentlich ein Leben lang bleiben.

Alles in allem geht es mir wirklich hervorragend und manchmal muss ich mich regelrecht aus dem Alltag wecken und mir vergegenwärtigen, was für eine unglaubliche Chance und Glück ich mit diesem Austauschjahr habe. Eines ist mir jetzt schon klar: Dieses eine Jahr wird mich für den Rest meines Leben prägen.

Ich bin gespannt, was die nächsten Monate mit sich bringen und werde mich bald wieder melden.

Viele Liebe Grüße aus Brodhead, WI

Henry

 

Das Bild zeigt mich bei einem Besuch in Chicago. Im Hintergrund kann man die Skyline und den Millenium Park erkennen.

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