Henrys Abschlussbericht

Ich muss sagen, es ist mir äußerst schwergefallen „Abschlussbericht“ auf das Papier zu schreiben, denn zuerst dachte ich, dass Abschluss der falsche Titel für diesen Bericht und damit auch für mein Jahr in den USA sei. Jedoch habe ich mir dann die Frage gestellt: „Was heißt eigentlich Abschluss?“ Heißt Abschluss, dass etwas vorbei ist ohne Konsequenzen, ohne Erinnerungen und Erfahrungen? Heißt Abschluss Loslassen oder Neuanfang, das Alte hinter sich zu lassen und ein neues Kapitel aufzuschlagen? Ich glaube für mich – und vor allem im Zusammenhang zu meinem Auslandsaufenthalt – heißt Abschluss beides. Der Wiederneuanfang im eigenen, aber zu diesem Zeitpunkt sehr fremden Land mit alten, bekannten Erfahrungen, Erinnerungen, Lehren und Gefühlen aus dem letzten Kapitel. Für manche mag der Abschluss des Auslandsjahres die Landung auf dem Frankfurter Flughafen sein oder das Wiedersehen mit der Familie. Für mich persönlich gibt es keinen Abschluss und ich möchte auch nichts was mit dem Auslandsjahr zusammenhängt abschließen. Während dem Jahr in den USA habe ich eine unglaublich enge Verbindung mit dem Land und den Menschen geknüpft, die mir sicherlich ein Leben lang erhalten bleiben wird. Die Dinge, die ich während dieser Zeit gelernt und herausgefunden habe, kann mir niemand wegnehmen und werden mir in meinem zukünftigen Leben sehr hilfreich sein.

Ich verbrachte mein Jahr in Wisconsin, einem Staat der im Norden der USA liegt und im Osten an den Lake Michigan angrenzt. Als ich erfuhr, dass ich das PPP-Stipendium erhalten hatte, versuchte ich mir zunächst keine Hoffnungen auf eine bestimmte Stadt zu machen. Eine Email von AFS sagte mir dann, dass ich mein Jahr in Brodhead, WI, verbringen würde, und ich setzte mich also gleich vor den Computer, um meine einjährige Heimat von oben auskundschaften zu können. Als ich dann außer einem kleinen Örtchen nichts außer Kornfelder erkennen konnte, war ich zunächst ein bisschen angeschlagen, erholte mich jedoch gleich von dem „Schock“ und freute mich auf meinen Austausch und mein, wie sich später herausstellte, unglaublich tolles Jahr.

Ich konnte es kaum erwarten meine Gastfamilie kennen zu lernen, und als es dann endlich soweit war, machte sich natürlich schon ein bisschen Nervosität bei mir bemerkbar. Doch wie sich schnell herausstellte, hatte ich Glück mit meiner Familie. Ich glaube, dass es ganz normal ist, dass man Dinge hat, über die man sich vielleicht nicht ganz einig ist. Jedoch bin ich der Meinung, dass das zu einem Austausch dazugehört und man davon nur lernen kann, was einem eine gewisse Anpassungsfähigkeit bringt, die bestimmt im späteren Leben wichtig ist.

Meine Gastfamilie bestand aus meinen Gasteltern und 3 Gastgeschwistern, von denen aber schon zwei auf der Universität bzw. berufstätig waren, und somit war ich mit meinem jüngsten Gastbruder allein und konnte mich wirklich glücklich schätzen ihn zu haben. Am Anfang war es leicht durch ihn neue Freunde zu finden, und wie sich herausstellte blieben die Leute, welche ich in den ersten 3 Wochen kennengelernt hatte, auch während des ganzen Austauschjahrs meine besten Freunde. Ich glaube, dass die Amerikaner unter der Definition eines „Freundes“ etwas anderes verstehen. Dort wird zum Beispiel eine Person, die man gerade kennen gelernt hat als Freund vorgestellt. Bei uns in Deutschland ist das mit Sicherheit anders und es wird sich mit dem Begriff „Freund“ allgemein ein bisschen mehr Zeit gelassen.

In der ersten Woche nach meiner Ankunft hatte ich ein klein wenig Schwierigkeiten mich in den amerikanischen Alltag einzuleben, was mit der Zeitumstellung und der neuen Sprache zu tun hatte. Jedoch hatte ich mich relativ schnell eingelebt und fühlte mich wohl. Mein typischer amerikanischer Alltag lief folgendermaßen ab: Am Morgen stand ich um etwa halb sieben auf und machte mich fertig für die Schule, nach dem Frühstück ging es dann mit meinem Gastbruder per Auto in die Schule. Nach der Schule hatte ich dann noch Sport (im Herbst Football, im Winter Basketball und im Frühling Leichtathletik) und kam nach einem anstrengenden Tag nach Hause, um zu duschen, meine Hausaufgaben zu erledigen und dann völlig erschöpft ins Bett zu fallen.

Es war jedoch sehr gut, dass ich in so viele außerschulische und schulische Aktivitäten wie Marching Band, Jazz Band und Show Choir – einen Chor, der tanzt und singt und für den ich Schlagzeug gespielt habe – involviert war, da ich dadurch am besten Freunde finden und mit diesen im Kontakt bleiben konnte. Mein Highlight war der Trip nach New York City, bei dem ich ungefähr 5 Tage mit dem Chor in meiner amerikanischen Lieblingsstadt verbrachte. Im Allgemeinen hatte ich wenige Probleme in der Schule, da der amerikanische Unterricht ein wenig einfacher gestaltet ist als der in Deutschland. In den amerikanischen Schulen ist es nicht so wie bei uns, dass die Schüler einen eigenen Klassenraum haben, sondern jeder Lehrer hat ein Zimmer, das er individuell gestalten kann. Auf diesem Weg ist man in jeder Unterrichtsstunde mit neuen Leuten zusammen. Man hat das Gefühl, dass die amerikanischen Schüler und eigentlich alle Amerikaner einen großen Teamgeist leben. Bei den Sportveranstaltungen feuert beispielsweise die ganze Schule ihr Team an. Auch Veranstaltungen wie Homecoming oder Prom kenne ich nicht von Deutschland und bin glücklich, dass ich diese erleben durfte. Wirklich toll war es die amerikanische Abschlusszeremonie für die 12. Klässler mitzuerleben. Ich konnte leider keinen amerikanischen Abschluss machen, jedoch habe ich eine Ehrenurkunde erhalten.

Meine Pflichten als PPP-Stipendiat, die ich gerne wahrnahm, bestanden darin, Deutschland gut zu vertreten und Fragen zu beantworten bzw. den Leuten in meiner Umgebung Deutschland näher zu bringen. So habe ich zwei Vorträge über Deutschland in meiner Schule und vor zwei Seniorengruppen gehalten. Zusätzlich leistete ich allgemeinnützige Arbeiten, wie zum Beispiel Kekse backen mit Grundschulkindern. Das PPP ermöglichte mir außerdem Teil eines örtlichen Komitees zu sein, in welchem nur Schüler mit Stipendien mitwirkten.  Wir besuchten zusammen das Kapitol in Madison, der Hauptstadt von Wisconsin,  und einen buddhistischen Tempel.

Ein Jahr wie dieses in einem Bericht wiederzugeben ist für mich fast unmöglich. Worte reichen nicht aus, um meine Erfahrungen und Empfindungen zu beschreiben. Nur wer das Glück hat es selbst zu erleben,  wird mich verstehen.


„Der Mensch kann nicht zu neuen Ufern vordringen, wenn er nicht den Mut aufbringt, die alten zu verlassen.“ – André Gide

 

Bild: Mein amerikanischer Freund Koel (rechts) und ich bei der Schulabschlusszeremonie

 

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